Ausstellungsstück
Orpheus und Euridice
„Orpheus und Euridice, das ist mein wichtigstes Werk. Das müsste man
allem voranstellen.“
Dies sagte Georg Münchbach im Januar 2018, 2 Monate vor seinem
letztlich doch plötzlichen Tod.
Wie läßt sich diese Aussage interpretieren? Wie steht sie im Zusammenhang mit dem Werk?
Wenn dieses Frühwerk aus dem Jahr 1957 im Rückblick als das
Wichtigste bezeichnet wird, kann man zu Recht davon ausgehen, dass
hierin wesentliche Elemente schon vorhanden sind, die später weiter
entwickelt wurden. Nicht nur ein menschlichen Leben, auch ein künstlerisches Werk wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.
Was finden wir in diesem Figurenpaar, was sich später im Werk zeigte?
Zunächst ist das Thema der mythischen Liebe zu nennen, das ihn als jungen Mann in seiner Lebenssituation sicher direkt anging und betraf. Er hatte seine Liebe gefunden und war zu diesem Zeitpunkt seit 2 Jahren verheiratet.
Weiterhin ist sowohl die Verlustangst als auch das Aufbegehren gegen
das scheinbar Unabänderliche vorhanden. Die eigene Kraft wird in
vollem Umfang erlebt.
Orpheus war so von seinem Wunsch, Euridice wiederzubekommen, erfüllt und damit so kraftvoll, dass er mit seiner Kunst (!) sogar die Götter zu einer Ausnahme von den kosmischen Gesetzen bewegen konnte. Die Abbildung der Figuren als Innenräume, als quasi Hohlkörper, deutet schon das Thema der Raumenergie an. Nicht das außen Sichtbare, sondern der umschlossene Raum ist das Eigentliche. Der Blick in den Innenraum kann auch ein Blick ins Innere des Menschen, ins Innere der Seele, ins Innere der Energie gedeutet werden. Das Innere ist der Kern des sichtbaren Außenraumes. Die Raumenergie ist der Kern der Materie. Gleichzeitig ist das Verschwinden der Euridice nach dem Verstoß gegen das Gebot des Nicht-Ansehens gut nachvollziehbar und geradezu sichtbar: Euridice verschwindet in das Reich der Schatten.
Die Zuneigung der Figuren zeigt ihr Aufeinander-Bezogen-Sein. Nur als
Ganzes scheinen sie stabil. Wenn eine Figur entfernt würde, wäre das
Ensemble sichtbar instabil. Im Rückblick aus dem Jahr 2018 ist sicher das Verschwinden seiner geliebten Frau im Jahr 2003 von ihm wie das Verschwinden von Euridice erlebt worden. Ihr Verschwinden war ein längerer Prozess, des Vergessen des Lebens, der in der 8-teiligen Bilderserie „Flußlandschaft Lethe“ verarbeitet wurde. Wer vom mythischen Fluß Lethe, der in die Unterwelt fließ, trinkt, vergisst sein Leben und ist bereit für ein neues. So ist auch hier wieder das Thema "Tod" in seiner mythischen Dimension erfasst und bearbeitet worden.
Das Klagelied aus der Oper Orpheus und Euridice von C.W Gluck „Ach, ich habe sie verloren…“ ist mit dieser Plastik, die stets an exponierter Stelle im Wohnraum gestanden hat, sicher präsent gewesen. Kunst ist in diesem Sinne nicht Auftragswerk, sondern Teil der Lebensgestaltung. Das erklärt auch seine Aussage aus einem Interview, dass er nur die Auftragswerke gern weggegeben hat, weil sie dafür geschaffen wurden.
Alle anderen Werke wollte er am liebsten nicht weggeben, sondern um sich haben, als seinen roten Lebensfaden. Kunst ist in diesem Sinne nicht Dekoration, sondern Lebensaussdruck. Es war ihm vergönnt, den größten Teil seines Lebens bis auf die ca. 6 Monate vor seinem Schlaganfall mit Ausdruck gestalten zu können. Diese Gestaltungskraft kam von innen, aus seinem Innenraum heraus. Sie kann uns anregen, unser Leben auch möglichst viel von innen heraus zu gestalten und nicht als Reaktion auf äußere Ereignisse: der Innenraum als schöpferische Raumenergie.
P.s. Das Werk ist als Bronzeguß replizierbar und somit zwar zentral,
aber nicht unverkäuflich.